Psychologische Aspekte bei Verbrennungen

Neben den sichtbaren Verletzungen gehen mit schweren Verbrennungen häufig auch psychische Belastungen und Folgen einher. Im Folgenden finden Sie Informationen zu möglichen psychologischen Begleit- und Folgeerscheinungen bei Verbrennungen oder Verbrühungen im Kindes- und Jugendalter.

Traumatisierung

Schwere Brandverletzungen und deren Behandlung können für das Kind und die Familie psychisch traumatisierend sein. Entsprechend entwickeln manche betroffene Kinder Symptome von Traumafolgestörungen. Typisch und sehr häufig auftretend, sind beispielsweise bedrängende Erinnerungen an den Unfall (Flashbacks, Albträume). Kinder im Vorschulalter drücken die andauernde Beschädigung mit dem Unfall häufig auch im Spiel aus. So kann es vorkommen, dass ein Kind immer wieder Aspekte des Unfalls oder des Spitalaufenthaltes mit Puppen nachspielt. Mit einer Traumatisierung geht oft auch eine Dysregulation der Stresshormone einher, was zu Schlaf­störungen, Kon­zen­trations­problemen, übermässiger Wachsamkeit und ausgeprägter Schreck­haftigkeit führen kann. Jüngere Kinder können zudem Rückschritte in der Entwicklung (z.B. erneutes Einnässen, Stottern), ausgeprägte Trennungsängste oder auch aggressiv-impulsives Verhalten aufzeigen. Bei vielen Kindern treten im Verlauf Ängste und Vermeidungsreaktionen auf: Sie reagieren z.B. mit Angst, wenn sie mit Dingen konfrontiert werden, die mit dem Unfall zusammenhängen, und versuchen Dinge, die sie an den Unfall erinnern, zu vermeiden.

Solche posttraumatischen Belastungssymptome sind in der ersten Zeit nach einem traumatischen Ereignis normal und verschwinden in der Regel innerhalb von 4 bis 6 Wochen, bzw. nehmen deutlich an Intensität ab. Bei etwa einem Fünftel der betroffenen Kinder können sich aber, wenn keine adäquate psychologische Behandlung erfolgt, auch andauernde Verläufe von Trauma­folge­störungen einstellen.

Auch Mütter und Väter können durch den Unfall und die Behandlung des Kindes traumatisiert werden und entsprechende Symptome entwickeln. Insbesondere Eltern, die beim Unfall anwesend waren, werden noch lange von Unfallbildern verfolgt. Praktisch alle Eltern – egal ob beim Unfall anwesend oder nicht – erleben Schuldgefühle, die ebenfalls sehr belastend sind.

Lange Hospitalisation – Belastung für die ganze Familie

Die Behandlung von schweren Verbrennungen oder Verbrühungen ist sehr aufwendig und geht mit langen Spitalaufenthalten und häufig auch mit einer langjährigen Rehabilitationsphase einher. Dies stellt eine Belastung für die ganze Familie dar. Familien­strukturen und -rollen müssen häufig neu definiert werden. Während des Spitalaufenthaltes ist die Familie oft auseinandergerissen: Die Mutter ist im Spital, der Vater an der Arbeit, die Geschwister bei Bekannten. Wenn das verletzte Kind wieder zu Hause ist, bleibt es häufig noch für längere Zeit in einer Sonderrolle und beansprucht viel Zeit. Aufgrund von elterlichen Schuldgefühlen und Mitleid kann es sein, dass dem brandverletzten Kind weniger Grenzen gesetzt werden als beispielsweise den Geschwistern. Solche familienbezogene Veränderungen können zu Familienkonflikten führen, z.B. zu Eifersuchtsreaktionen der Geschwister oder Belastungen in der Paarbeziehung.

Verändertes Körperbild

Tiefe Hautverletzungen führen immer zu bleibenden Narben. Kinder entwickeln – ebenso wie ihre Eltern – schon bald nach dem Unfall grosse Sorgen betreffend ihres Aussehens. Je nachdem scheuen sie sich die verletzten Körperteile anzuschauen. Hier ist Geduld und Unterstützung nötig, damit das Kind schliesslich seinen veränderten Körper wieder akzeptieren lernt. Dies fällt jüngeren Kindern meist sehr viel einfacher als Jugendlichen. Besonders schwierig ist dies bei Verletzungen von Gesicht, Händen und Genitalien.

Die Bedeutung des veränderten Körperbildes wird häufig erst nach Spitalaustritt deutlich. Kinder und Jugendliche mit grossen Hautläsionen müssen häufig für längere Zeit Kompressionsanzüge oder bei einer Verbrennung im Gesicht auch Gesichtsmasken tragen. Diese fallen im Alltag auf und lösen häufig unangenehme soziale Reaktionen aus. Das häufige Angestarrt- und Ausgefragt werden kann sehr belastend sein. Solche Reaktionen können zu einer erschwerten Reintegration in die Schule und Gleichaltrigengruppe führen und im Extremfall zu einem sozialen Rückzug.

Langzeitfolgen

Auch wenn Kinder und Jugendliche mit grossen Hautläsionen in ihrer Entwicklung etwas häufiger emotionale, soziale oder schulische Schwierigkeiten aufweisen, gilt doch, dass die Mehrzahl der Betroffenen den Unfall und seine Folgen gut bewältigen und sich gut entwickeln. Aktuelle Studien zeigen, dass etwa 15-20% der Kinder und Jugendliche nach einer Brandverletzung psychische Auffälligkeiten entwickeln. Am häufigsten sind dabei posttraumatische Belastungsstörungen sowie Störungen im sozialen Bereich. Studien zur Lebensqualität zeigen in den meisten Aspekten keine Unterschiede zu gesunden Kindern. Bewältigungsprobleme treten vor allem in den ersten beiden Jahren nach dem Unfall sowie im Jugendalter auf.

Nebst den negativen Folgen, berichten betroffene Familien auch immer wieder positive Aspekte und unfallbedingte Reifeprozesse. Besonders Jugendliche, aber auch Eltern erwähnen in diesem Zusammenhang z.B. oft das bewusstere Achten des Lebens oder die Relativierung materieller Besitztümer und Schönheitsideale sowie das Wertschätzen von echten Freundschaften.

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