Psychosoziale Herausforderungen bei Hautauffälligkeiten

Sowohl angeborene als auch durch Krankheiten oder Unfälle bedingten Auffälligkeiten im Erscheinungsbild können Kinder und Jugendliche vor erhebliche psychosoziale Herausforderungen stellen. Während viele Betroffene damit gut zurechtkommen, berichten andere wiederum von deutlichen Beeinträchtigungen in Bezug auf die Lebensqualität, der Zufriedenheit mit ihrem Körperbild, dem Selbstwert und den sozialen Beziehungen. Im Folgenden werden die Bedeutung des äusseren Erscheinungsbildes in sozialen Inter­aktionen sowie damit zusammenhängende psychosoziale Herausforderungen erläutert.

Bedeutung des äusseren Erscheinungsbilds

Das äussere Erscheinungsbild eines Menschen besitzt in unserer Gesellschaft eine zunehmend hohe Bedeutung und der gesellschaftliche Druck nach einem „makellosen Aussehen“ wird immer präsenter. Dies geht soweit, dass ein Grossteil der Bevölkerung bereit wäre, einen erheblichen Aufwand und ein gesundheitliches Risiko einzugehen, um ihr äusseres Erscheinungsbild zu verbessern – dies nicht nur bei schwerwiegenden Entstellungen, sondern zunehmend auch bei sogenannten „kleinen Schönheitsmakeln“.

Menschen werden nicht nur nach ihren Fähigkeiten und Kompetenzen, sondern auch nach ihrem äusserlichen Erscheinungsbild bewertet. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass attraktive Menschen bevorteilt werden: Sie werden als intelligenter, erfolgreicher und freundlicher ein­geschätzt, ihre Leistungen werden positiver beurteilt, sie haben grössere Chancen auf einen Job, höhere Einstiegssaläre und leben häufiger in Beziehungen. Gleiche Effekte findet man bereits im Kindesalter: Attraktive Kinder sind in der Schule beliebter, man mutet ihnen mehr zu und sie bekommen bessere Leistungsbewertungen.

Dabei besteht die Gefahr, dass Menschen mit körperli­chen Ent­stellungen benachteiligt werden. Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Krankhei­ten, angeborenen Fehlbildungen oder Folgen von Verletzungen in ihrem Erscheinungs­bild auffallen, erleben in ihrem Alltag häufig unangenehme soziale Reaktio­nen: Sie werden angestarrt, ausgelacht, schikaniert und nicht selten gemieden. Dies kann ihre Lebensquali­tät und Entwicklungschancen deutlich beeinträchtigen (Pfeil siehe Studie).

Psychosoziale Herausforderungen

Stigmatisierungserfahrungen

Viele betroffene Kinder und Jugendliche erleben, dass sie von anderen Kindern schikaniert oder geplagt werden. Dies kann sich negativ auf das Selbstbild auswirken und zu psychologischen Beeinträchtigungen  wie Ängstlichkeit, sozialem Rückzug oder Depressivität führen. Nicht alle Kinder leiden aber unter Hänseleien. Manche berichten, dass sich ihre Umgebung an ihr Aussehen gewohnt hat und dass dies in ihrem Alltag kaum noch ein Thema ist. Herausfordernd kann es sein, wenn betroffene Kinder oder Jugendliche ihre vertraute Umgebung verlassen müssen und zum Beispiel an einen anderen Wohnort ziehen oder eine andere Schule besuchen müssen. Hier werden sie wieder damit konfrontiert, dass ihr Aussehen verstohlene Blicke, neugierige Fragen oder unbeholfenes Verhalten hervorruft. Betroffene Kinder und Jugendliche müssen Strategien entwickeln, mit solchen sozialen Reaktionen umzugehen. Gute soziale Kompetenzen helfen, soziale Interaktionen  aktiv zu gestalten und erfolgreich zu bewältigen.

Auch Eltern sind von Stigmatisierungserfahrungen betroffen. Auch sie müssen lernen, mit neugierigen Blicken und Fragen umzugehen. Nicht selten erleben Eltern auch, dass Andere Ihnen Vorwürfe machen oder sie als schlechte Eltern einschätzen.

Identitätsfindung

Entwicklungsveränderungen in der späten Kindheit und im Jugendalter führen dazu, dass das eigene Aussehen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Für viele Jugendliche ist das eigene Aussehen eng mit ihrem Selbstwert verknüpft. Die zentrale Aufgabe im Jugendalter ist die Entwicklung der Identität. Dabei sind Jugendliche mit einer Hautauffälligkeit häufig mit der Frage konfrontiert, ob sie plastisch-chirurgische Eingriffe oder andere Behandlungen auf sich nehmen möchten um ihr Aussehen zu verändern oder ob die Auffälligkeit als Teil ihrer Identität akzeptiert wird. Nicht selten berichten Jugendliche auch positive Aspekte ihrer Auffälligkeit. Dazu gehört eine erhöhte Sensibilität und Mitgefühl gegenüber anderen Leuten, die Relativierung von Schönheits­idealen und die Wertschätzung von echten Freundschaften.

Freundschaften

Gute Beziehungen zu Gleichaltrigen sind von zentraler Bedeutung für Kinder und Jugendliche. Das Knüpfen von neuen Kontakten und der Aufbau von Freundschaften kann für Kinder und Jugendliche mit einer Auffälligkeit im Körperbild schwierig sein, insbesondere wenn sie zuvor erlebt haben, dass sie ausgelacht oder ausgeschlossen wurden. Betroffene Kinder reagieren teilweise defensiv, ziehen sich sozial zurück oder beschränken ihre Kontakte auf ein paar ausgewählte Kinder. Im Jugendalter kann eine Auffälligkeit im Körperbild zu Schamgefühlen und Schwierig­keiten im Bereich der Sexualität und ganz allgemein in Beziehungen zum anderen Geschlecht führen. Auch hier gilt, dass nicht alle Kinder und Jugendliche mit Auffälligkeiten im Körperbild Schwierig­keiten mit sozialen Kontakten haben. Extraversion und gute soziale Kompetenzen sind hilfreich um psychosoziale Herausforderungen zu bewältigen.

Familie

Die körperliche Auffälligkeit eines Kindes kann die ganze Familie beeinflussen. Die Geburt eines Kindes mit einer körperlichen Auffälligkeit – oder auch ein Verbrennungsunfall – löst bei den Eltern häufig eine Flut von Emotionen aus, einschliesslich Angst, Trauer, Schuldgefühlen, Wut und Hilfslosigkeit. Eltern müssen häufig innerhalb kurzer Zeit Entscheidungen bezüglich Behandlungsmöglichkeiten treffen. Kinder mit grossen Hautschäden müssen häufig mehrfache Operationen auf sich nehmen. Die teilweise langen Spitalaufenthalte und mehrfachen Kontroll- oder Behandlungstermine stellen eine Belastung für die ganze Familie dar. Familienstrukturen und -rollen müssen neu definiert werden. So findet man oft, dass insbesondere Mütter ihre Arbeitstätigkeit aufgeben oder reduzieren. Die Pflege des Kindes beansprucht häufig viel Zeit und das betroffene Kind erhält aufgrund von elterlichen Sorgen oder Mitleidsgefühlen oft eine Sonderrolle, so dass es mö­glicher­weise überbeschützt wird oder ihm weniger Grenzen gesetzt werden als Geschwistern. Dies kann zu Familienkonflikten führen, z.B. zu Eifersuchtsreaktionen der Geschwister oder Belastungen in der Paarbeziehung.

Die Familie kann aber auch ein wichtiger Schutzfaktor für das Kind sein. Ein familiäres Klima, dass geprägt ist durch gegenseitige Unterstützung, Humor und Optimismus, und welches die Autonomieentwicklung und einen positiven Selbstwert des Kindes fördert, erhöht die Widerstandskraft des Kindes.