Diogo

„Mein Traum ist es ein eigenes Buch zu veröffentlichen“ – Diogo (21 Jahre), erzählt über seine Erfahrungen mit Brandnarben im Gesicht und teilt mit uns seine Erkenntnisse aus seinem Leben. 

 

Diogo ist ein starker junger Mann und weiss, was er in seinem Leben erreichen möchte. Aus seiner Vergangenheit und seinen Erfahrungen schöpft er viel Kraft.

 

Ursprünglich hat Diogo eine Lehre zum Kaufmann EFZ abgeschlossen. Während der Lehre hat er sich vertieft mit dem Thema Steuererklärungen auseinandergesetzt. Nun steht der junge Mann kurz davor sich mit seiner Firma «DaSilva-Service» als «Finanzarzt» selbstständig zu machen. Er nennt sich so, da seine Aufgabe ähnlich, wie die eines Arztes sei, nur eben auf Finanzen bezogen statt der Gesundheit. Er analysiert mit seinen Kunden, wo diese momentan stehen und wo sie längerfristig stehen möchten. Als «Finanzarzt» unterstützt Diogo die Kunden bei der Erreichung ihrer Ziele und bietet Steuer- sowie Unternehmensberatungen an.

 

Bei einem Unfall vor 12 Jahren, haben er und seine Schwester Mafalda sich bei einer Gasexplosion schwere Verbrennungen zugezogen. Es geschah am ersten Tag in ihren Ferien in Portugal. Diogo und Mafalda waren am Schlafen. Diogo hatte sich früher angewöhnt morgens jeweils noch etwas im Bett liegen zu bleiben und von zehn herunter zu zählen. Dabei liess er die Augen noch zu und sammelte so quasi die Energie zum Aufstehen. Als er mit Zählen bei null angekommen war, gab es einen grossen Knall und als er die Augen aufmachte, stand alles in Flammen. Beunruhigt schaute er zu seiner Schwester hinüber und sah sie halb ohnmächtig neben dem Bett liegen. Sie mitzerrend rannten die beiden Kinder aus dem Zimmer. Alles passierte schlagartig, Schmerz habe Diogo keinen verspürt, nur grosse Angst. Den Vater sahen sie beim Herausrennen aus dem Fenster springen, bevor sich die Kinder zur Nachbarin retteten.

 

Die Familie wurde mit der Ambulanz ins Spital nach Lissabon gefahren. Es folgte ein langer Spitalaufenthalt. Diogo verbrachte drei Wochen auf der Intensivstation und anschliessend weitere drei Monate im Spital in Lissabon, bevor er in die Schweiz ins Kinderspital Zürich geflogen werden konnte. An die Spitalzeit in der Schweiz kann er sich noch gut erinnern. Besonders gut in Erinnerung bleiben ihm die grossartigen Freunde, die er im Spital gefunden hat und natürlich die hübschen Krankenpflegerinnen (😊). Das Schlimmste waren für ihn die schmerzhaften Verbandswechsel. 

 

Vor dem Unfall besuchte der damals 8-jährige die zweite Klasse. Seiner Lehrerin ist er bis heute unendlich dankbar. Sie verfasste einen Brief, der allen Familien der Schule zugeschickt wurde, und informierte diese so über den Unfall und Tipps, wie mit Mafalda und Diogo umgegangen werden sollte. Mobbing sollte nicht toleriert werden.

 

Der Schulstart funktionierte so zwar gut, sonst hatten sich aber viele Dinge und Gewohnheiten in Diogos Leben verändert. Für die Körperpflege musste nun viel mehr Zeit aufgewendet werden – immer morgens und abends die ganzen Narben eincremen, offene Wunden benötigten besonders viel Pflege. Seine «Pflege-freie» Zeit begann Diogo nun besonders zu schätzen. «Mein ganzes Leben hat sich durch den Unfall, der innerhalb von 10min passiert ist, verändert – psychisch, wie auch sozial.»

 

Eine Kompressionsmaske musste Diogo für 2 Jahre tragen – tagsüber, wie auch nachts. Zu Beginn weigerte er sich diese zu tragen, Sprüche wie: «Hey, es ist noch nicht Halloween» oder «Wir haben übrigens heute nicht Fasnacht» beleidigten ihn zutiefst. Diogo fühlte sich mit der Zeit zum Glück stark genug, um vor die Leute hinzustehen, die Maske auszuziehen und den Grund zu zeigen, wieso er eine Maske trägt. Leute wussten daraufhin oft gar nicht mehr was sagen und entschuldigten sich.
Mit der Maske fühlte er sich trotzdem sicherer, als wenn er seine Narben hätte zeigen müssen. Ausserdem schützte die Maske die Narben vor der Sonne. Nach den 2 Jahren bekam er eine Silikonmaske, die er aber so schrecklich fand, dass er sie nur 2 Monate lang trug.

 

«Fragen, nicht Starren», ist der Wunsch von Diogo. Jedoch möchte er nicht über die Menschen urteilen, die trotzdem Starren. Schliesslich wisse er nicht, wie er sich verhalten würde, wenn er den Unfall nicht gehabt hätte. Sein Tipp also: «Wenn du dich interessierst, dann frag.»

 

Diogo hat aus seinen Erfahrungen, die er bereits in jungen Jahren machen musste, viel gelernt. «Ich habe nun ganz andere Ansichten aufs Leben. Man sollte jede Sekunde geniessen und nie demotiviert sein.»
Sein Traum ist es einmal ein professionelles Buch zu veröffentlichen – zusammen mit seiner Schwester Mafalda. Darin möchte er von seiner Geschichte erzählen und andere Menschen mit seiner Motivation und seiner Kraft inspirieren. Er möchte aber nicht nur über die Zeit im Spital berichten, sondern auch über seinen jetzigen Alltag, Momente, Konflikte, Problemlösungen und vieles mehr. «Leute denken viel zu wenig an die Zukunft, sondern vermehrt immer nur an die Vergangenheit. Wichtig ist es, aus den Fehlern und Schicksalsschlägen zu lernen und damit die Zukunft zu steuern», meint der heute 21-jährige.

 

Als Tipp für andere Menschen mit Hautauffälligkeiten rät der junge Mann, sich mit seiner Geschichte zu befassen, sich also vertieft mit der Thematik auseinanderzusetzen, sich zu informieren welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, was mit der heutigen Technologie alles möglich ist, usw. «Erst wenn du alles über deine Hautauffälligkeit weisst, beginnst du an dir selbst zu arbeiten», so Diogo. «Dich trotzdem zu lieben, obwohl du äusserliche Veränderungen hast – denn du bist einzigartig. Es gibt keinen auf der Welt, der die gleiche Narbe trägt wie du, am gleichen Ort und mit deinem Gesicht.» Dies müsse man zuerst lernen und das ist die Botschaft, die Diogo weitergeben möchte.

(Text: Isabel Sahli, 2020)

 

Weiterführende Informationen:

  1. Anita Schneider sagt:

    Lieber Diogo,
    Gerade habe ich Deinen Bericht gelesen! Es hat mich sehr berührt, denn ich war eine der Pflegenden im Kispi, die Deine ganze Familie betreut hat. Ich mag mich noch sehr gut an Euch erinnern und bin sehr erfreut zu hören und zu sehen wie Du Dich entwickelt hast. Du strahlst so viel positive Energie aus. Auf Deinem weiteren Weg wünsche ich Dir viel Erfolg und erwarte gespannt auf das Buch, das Du hoffentlich realisieren kannst!
    Herzliche Grüsse an die ganze Familie

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