Timothy

„Ich hatte wahnsinnig Glück“ – Timothy (16) erlitt durch einen Lichtbogen Verbrennungen am Oberkörper und im Gesicht

 

Was Timothy dazu bewegte auf einen Zug zu klettern, weiss er heute nicht mehr. Erinnerungslücke. Als er im Spital erwachte, war sein ganzer Körper in Verbände eingepackt. Schmerzen durchliefen seine Glieder.

 

Der Unfall ereignete sich an einem Abend vor einem Jahr. Timothy war mit Freunden unterwegs. Irgendwann versuchte er auf einen abgestellten Zug zu klettern. Er war noch nicht ganz oben, wohl einen Meter von der Stromleitung entfernt, als ihn ein Lichtbogen durchblitzte: 15’000 Volt.

 

Zum Glück waren seine Freunde dabei. Sie alarmierten den Notdienst. Im Kinderspital wurden Verbrennungen am Oberkörper, im Gesicht und am Rücken festgestellt. Am Arm mussten Hauttransplantationen vorgenommen werden. „Schwierig war es, keine Erinnerungen mehr zu haben und nur noch zu liegen.“ Timothy erhielt wertvolle Unterstützung von Familie und Freunde. Jeden Tag hatte er Besuche, „so war ich nie alleine im Zimmer und es wurde mir nie langweilig, das war toll“. Seine Mutter war fast Tag und Nacht an seiner Seite. Timothy hatte Mühe mit Schlafen, dank einem zusätzlichen Bett war es möglich, dass immer jemand bei ihm im Zimmer bleiben konnte.

 

Erst gingen die Ärzte davon aus, dass er 6-10 Wochen im Spital bleiben müsse, doch schliesslich konnte er dank gutem Heilungsprozess, bereits nach drei Wochen wieder nach Hause gehen. Danach musste er einen Kompressionsanzug tragen, der sehr eng auf der Haut liegt und dadurch für eine bessere Heilung der Narben sorgt. Timothy berichtet, wie man damit unangenehm schwitzt. Auch das tägliche Eincrèmen der Haut war ihm lästig, doch: „Damit musste ich mich halt irgendwie abfinden“.

 

Beim Sturz vom Zug erlitt Timothy einen leichten Schädelbruch. Dadurch musste man ihm die Haare abrasieren. „Zum Glück sind die gut nachgewachsen“, schmunzelt Timothy und fährt mit den Händen durch die Haare. Er wirkt ernst und lebensfroh zugleich und scheint den Unfall und die Zeit im Spital gut verarbeitet zu haben. Er besucht zurzeit das Gymnasium. Später möchte er gerne Bewegungswissenschaften studieren und vielleicht Sportlehrer oder Fitnesstrainer werden.

 

Seine Narben sind in der Zwischenzeit schon sehr gut verheilt. Am Arm sind noch einzelne Vernarbungen sichtbar, doch Timothy ist zuversichtlich, dass diese in ein bis zwei Jahren nicht mehr erkenntlich sein werden. Timothy meint, dass es ihm nichts ausmache, wenn er auf die Narben angesprochen werde, er verstehe es, dass diese Blicke anziehen und er erzähle gerne von seinem Unfall. Es sei wichtig, dass andere darüber informiert werden, wie gefährlich es ist, auf Züge zu klettern.

 

Leider kommt es immer wieder vor, dass Jugendliche beim Besteigen von Zugdächern einen lebensgefährlichen Stromschlag erleiden. Die meisten Leute wissen, dass es gefährlich ist, wenn man mit der Oberleitung in Berührung kommt, aber vielen ist es nicht bewusst, dass auch bei abgestellten Zügen die Stromleitungen geladen sind und dass es schon bei einer Annäherung ab 1.50 m zur Oberleitung zu einem Funkenüberschlag kommen kann, was tödlich enden kann.

 

Glück – daran muss man immer wieder denken, wenn man Timothys Geschichte hört. Einen Monat vor dem Unfall ging seine Uhr kaputt und zwei Tage vor dem Unfall sein Halsschmuck. Hätte er beides getragen, wären seine Verletzungen viel schlimmer gewesen.

(Text: Tilla Aegerter)